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Der folgende Artikel ist die leicht gekürzte Einleitung
zum Buch Volkskirche am Abgrund? von Rudolf Möckel und
Wolfgang Nestvogel (Hrsg.), das 1996 beim Hänssler Verlag erschien
und mittlerweile vergriffen ist. Das Buch berichtet über mehrere
bibeltreue evangelische Pfarrer, die wegen ihrer Überzeugung schikaniert
und von der Kirchenleitung aus dem Amt gedrängt und abgesetzt wurden.
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Will man den Zustand der Volkskirche in der Bundesrepublik
wenige Jahre vor der Jahrtausendwende mit einem einzigen Satz treffend
beschreiben, so muß dieser Satz lauten: Die Volkskirche ist
eine Kirche ohne Mitte.
Für Martin Luther war der biblisch fundierte Glaube an Jesus Christus
die alles bestimmende, klare und verbindliche Mitte. Gerade das ist innerhalb
der Volkskirche zum Riesenproblem geworden. Nicht einige Details am Rande,
sondern das Zentrum ist ins Wanken geraten! Schon im Jahre 1987 stellte
ein Theologe lapidar fest, daß sich innerhalb der Volkskirche über
den Glauben bestimmt nur sagen läßt, daß sich nichts
Bestimmtes über ihn sagen läßt (Michael Welker,
Kirche ohne Kurs?, Neukirchen 1987, S. 62).
Was gilt in der Kirche?
Die Volkskirche ist eine Kirche ohne verbindliche und verbindende
Mitte geworden. Sie bietet einer kaum noch überschaubaren Vielzahl
von Überzeugungen, Richtungen, Gruppen und Trends die Möglichkeit,
sich zu artikulieren. Sie ist eine Kirche mit einem, schillernden, beinahe
ins Uferlose ausuferndem Meinungsspektrum. Gegensätzliche, einander
widersprechende und einander ausschließende Positionen stehen in
ihr unverbunden nebeneinander. Ulrich Parzany und Hertha Leistner, Peter
Beyerhaus und Dorothea Sölle, Gerhard Maier und Gerd Lüdemann
gehören noch derselben Evangelischen Kirche in Deutschland an [wobei
P. Beyerhaus und G. Maier inzwischen auch keine Beispiele mehr für
Bibeltreue sind, Anm. d. Webmasters]. Aber die verbindende Mitte zwischen
ihnen können selbst die Gutwilligen nicht mehr auffinden. Die Volkskirche
ist eine Kirche ohne Mitte geworden.
Zugespitzt könnte man auch sagen: Die Volkskirehe in der Bundesrepublik
ist eine Kirche ohne Wahrheit geworden. Sie vertritt nur noch Teilwahrheiten,
Teilerkenntnisse und Teilüberzeugungen, die heute gelten und morgen
wieder verworfen werden können. Aber der Anspruch auf die eine, verbindliche
und exklusive Wahrheit ist längst aufgegeben. Natürlich werden
angehende Pastoren offiziell noch auf Bibel und Bekenntnisschriften verpflichtet.
Aber im tatsächlichen Leben der Kirche haben Bibel und Bekenntnis
längst ihre normierende Kraft verloren. Sie sind nur noch zwei Gesprächspartner
unter vielen anderen. Die EKD-Studie Christsein gestalten
(1987) bringt diese Sicht der Dinge treffend auf den Punkt: Wenn
her keiner über die Wahrheit verfügt, heißt es dort,
ist damit zu rechnen, daß jeder nur ein Stück von ihr
vertritt. Es geht dann nicht so sehr um die Bestreitung von Unwahrheit
als um das Zusammentragen der Stücke [...], um die Versöhnung
von Wahrheitselementen, wie sie unterschiedliche Menschen in verschiedenen
Lebenszusammenhängen entdecken und vertreten.
Das heißt: Die Leitung der Evangelischen Kirche in Deutschland hat
offiziell den Anspruch aufgegeben, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden
und gegebenenfalls auch Unwahrheit zu bestreiten. Sie will nur noch Wahrheitselemente
zusammentragen und versöhnen. Gleichzeitig
bleibt aber im unklaren, was eigentlich der Maßstab für Wahrheit
und Unwahrheit sein soll. Die Bibel selbst fällt als Maßstab
aus, da sie ebenfalls nur als Sammlung (zeitbedingter) Teilwahrheiten
angesehen wird. Wir stehen damit vor der erstaunlichen und in hohem Maße
beunruhigenden Erkenntnis, daß die Kirche der Reformation 1.) ihren
Anspruch auf eine exklusive, verbindliche Wahrheit aufgegeben hat, 2.)
nur noch Wahrheitselemente sammeln und versöhnen will
und dabei 3.) den einzigen Maßstab für Wahrheit und Unwahrheit
- die Bibel - bewußt außer Kraft setzt.
Die zerstörerische Wirkung der Bibelkritik
Ein Blick zurück lohnt, denn der heute vorfindliche
Zustand der Evangelischen Landeskirchen ist das Ergebnis von Entwicklungen,
die vor rund fünfzig Jahren in Gang gesetzt wurden.
Der Neuanfang der Evangelischen Landeskirchen nach dem Ende des Zweiten
Weltkrieges ist vor allem mit dem Namen eines Theologen verbunden, dessen
Einfluß bis heute in den Gemeinden überdeutlich nachwirkt:
Rudolf Bultmann.
Das Erbe Rudolf Bultmanns
Bultmanns Programm der Entmythologisierung des Neuen
Testamentes wurde zunächst dankbar aufgenommen. Nur wenige
sahen von Anfang an, daß seine Interpretation der biblischen
Texte letztlich nichts anderes bedeutete als die radikale Infragestellung
grundlegender Aussagen der Bibel. Bultmann reduzierte die Aussagen des
Neuen Testamentes auf das, was sich an Leitsätzen über menschliche
Befindlichleiten aus ihnen gewinnen ließ. Den Anspruch der Bibel,
in allen ihren Aussagen die verbindliche und objektive Offenbarung Gottes
zu sein, lehnte der Marburger Theologe als unzeitgemäß und
unhaltbar ab.
Zwei Zitate mögen dies näher beleuchten:
In seinem Aufsatz Neues Testament und Mythologie. Das Problem der
Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung schreibt
Bultmann:
Erledigt sind [...] die Geschichten von der Himmel-
und Höllenfahrt Christi; erledigt ist die Erwartung des mit den Wolken
des Himmels kommenden Menschensohnes und des Entrafftwerdens
der Gläubigen in die Luft ihm entgegen (1. Thes 4,15ff). Erledigt
ist durch die Kenntnis der Kräfte und Gesetze der Natur der Geister-
und Dämonenglaube [...]. Die Wunder des Neuen Testamentes sind damit
als Wunder erledigt [...]. Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat
benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische
Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt
des Neuen Testamentes glauben. [Rudolf Bultmann, Neues Testament
und Mythologie. Das Problem der Entmythologisierung der neutestamentlichen
Veründigung, in: Kerygma und Mythos I, Hrsg. H.W. Bartsch, Hamburg
1967, 17 f.]
Über die neutestamentlichen Berichte von der Auferstehung
Jesu äußert er sich folgendermaßen:
Das Osterereignis als die Auferstehung Christi ist
kein historisches Ereignis. Der christliche Osterglaube ist an der historischen
Frage nicht interessiert.[a.a.O., 46f]
Bultmanns programmatische Eliminierung grundlegender Aussagen
des Neuen Testamentes machte die Relativierung der Bibel endgültig
hoffähig. Die Grundsätze der von ihm propagierten Bibelauslegung
wurden an den theologischen Fakultäten und Seminaren mit der Zeit
als einzig erlaubte Methode monopolisiert und eröffneten damit prinzipiell
die Möglichkeit, die Bibel umfassend in Frage zu stellen. Die Bestreitung
der Klarheit und der Autorität der Bibel in der aktuellen Diskussion
(zum Beispiel von Seiten der sogenannten tiefenpsychologischen
bzw. feministischen Bibelauslegung) hat ihre Wurzeln zu einem
nicht geringen Teil in der kritischen Grundentscheidung gegen die Heilige
Schrift, der Rudolf Bultmann damals endgültig zum Durchbruch verhalf.
Die Antwort der Bekennenden Gemeinschaften
Mitte der sechziger Jahre regte sich erstmals organisierter
Widerstand auf breiter Basis gegen die Aushöhlung der Autorität
der Heiligen Schrift. Am 6. März 1966 kam es in der Dortmunder Westfalenhalle
zur Gründung der Bekenntnisbewegung, die sich im Oktober 1970 mit
anderen Gruppen gleicher Ziellichtung zur Konferenz Bekennender
Gemeinschaften (KBG) zusammenschloß. Die verschiedenen Gruppen
dieser Konferenz haben in den vergangenen drei Jahrzehnten in ungezählten
Gesprächen, schriftlichen Eingaben und öffentlichen Hearings
die Leitungen der Landeskirchen an ihre Aufgabe erinnert, über Lehre
und Verkündigung zu wachen. Sie haben mit Studienhäusern den
theologischen Nachwuchs begleitet und gefördert. Sie haben weiter
bewußt Gegenangebote zu entsprechenden kirchlichen Einrichtungen
ins Leben gerufen.
Das eigentliche Ziel aber, nämlich eine Änderung der kirchlichen
Großwetterlage herbeizuführen, hat die Bekenntnisbewegung
nicht erreicht. Bei der Besetzung von kirchenleitenden Ämtern blieben
evangelikale Bewerber fast durchweg ohne Chance. Auf Theologiestudenten
und Vikare, die aus ihrer positiven Einstellung zur Autorität der
Schrift keinen Hehl machten, wurde in Universitäten und Predigerseminaren
zum Teil erheblicher Druck ausgeübt. Die Kirchenleitungen pochen
auch weiterhin hartnäckig auf dem Universitätsstudium als alleinigem
Zugangsweg zum Pfarramt, obwohl Freie Theologische Akademien mit hohem
Niveau zur Verfugung standen und stehen.
Wie tolerant ist die Volkskirche?
In den letzten Jahren zeigte sich immer deutlicher, daß
dieselbe Volkskirche, die mit dem Anspruch der Toleranz auftritt, sich
ausgesprochen intolerant zeigte, wann immer und wo immer Menschen für
die absolute Gültigkeit und Wahrheit der Bibel eintraten.
Besonders bedrückend geschah dies im Umgang der Kirchenleitung mit
denjenigen Pastoren, die öffentlich für den göttlichen
Anspruch der Bibel eintraten. Wer immer dieses volkskirchliche Tabu brach
und den Anspruch der Bibel, Gottes zuverlässiges und verbindliches
Wort zu sein, öffentlich zur Sprache brachte, mußte - und muß
- mit scharfem Gegenwind rechnen.
Die Kirchenleitungen lassen vieles - auch unsägliches - innerhalb
ihrer Institution zu (man denke nur an den Deutschen Evangelischen Kirchentag).
An einer Stelle jedoch reagieren sie ausgesprochen empfindlich: Und zwar
genau dann, wenn in Gemeinden gelehrt und vertreten wird, daß die
Bibel in ihrer Gesamtheit das zuverlässige, wahrhaftige und autoritative
Wort Gottes ist. An dieser Stelle gibt es kein Pardon. Wer die Bibel vorbehaltlos
gelten läßt und sie als das nimmt, was sie zu sein beansprucht,
nämlich die Wahrheit, wird nicht selten behindert, diffamiert, verunglimpft
und - wenn möglich - ausgegrenzt .
Die Volkskirche ist tolerant, so lange nicht Menschen in
ihr mit dem Anspruch auftreten, die Wahrheit zu sagen. Der Anspruch, daß
es eine erkennbare, sagbare und verbindliche Wahrheit gibt, ist für
viele Verantwortliche in den Kirchenleitungen eine unerträgliche
Überzeugung. Und diejenigen, die mit dem Anspruch auftreten, daß
sie die Wahrheit zu sagen haben, welche die Bibel ihnen vorgibt, müssen
nicht selten mit Schwierigkeiten rechnen.
Die Volkskirche ist eine Kirche, in der die exklusive, eindeutige und
verbindliche Wahrheit der Bibel keinen Platz hat. Erlaubt sind relative,
menschliche Wahrheiten: Wahrheiten, die heute gelten und morgen ihre Gültigkeit
verlieren. Aber das Entscheidende, nämlich die eine große,
verbindliche Wahrheit der Heiligen Schrift, wird verneint und zum Tabu
erklärt. Wer an dieses Tabu rührt und es wagt, öffentlich
zu sagen, daß die Bibel eine klare, eindeutige und auch verstehbare
Wahrheit vorgibt, der wird über kurz oder lang zur unerwünschten
Person.
Die Wahrheit ist in einer Kirche ohne Wahrheit zum Tabu geworden.
Die Fälle oder: Das Ende der Toleranz
Die in diesem Buch geschilderten Fälle
[von drei bibeltreuen Pfarrern, die aus dem Amt gedrängt wurden;
Anm. des Webmasters] haben alle eines gemeinsam: In allen drei Gemeinden
arbeiteten Pastoren, die etwas eigentlich Selbstverständliches taten:
Sie verkündigten und lebten die eindeutige Wahrheit, welche die Bibel
ihnen vorgab. Alle Gemeinden erlebten daraufhin ein starkes inneres und
äußeres Wachstum. Menschen fanden zum Glauben an Jesus Christus.
Der Gottesdienstbesuch nahm signifikant zu. Das Gemeindeleben verzeichnete
einen unübersehbaren Aufschwung.
In allen drei Gemeinden bildete sich dann eine zahlenmäßig
kleine, aber äußerst entschlossene Opposition, die sich nicht
scheute, mit halbwahren, entstellenden oder auch falschen Behauptungen
gegen ihren Pastor zu arbeiten und die dazu auch Presse und Fernsehen
mobilisierte.
Alle drei Pastoren gerieten daraufhin (insbesondere durch die Pressekampagne)
unter enormen öffentlichen Druck. Wer in dieser brisanten Situation
damit gerechnet hatte, daß sich die vorgesetzte Kirchenleitung schützend
vor ihre Pastoren stellen würde, sah sich in seinen Erwartungen getäuscht.
Die Kirchenleitung schwieg. Sie schwieg auch dann, als die Massenmedien
sich massiv und einseitig an der Kontroverse beteiligten. Und wenn die
Kirchenleitung nicht schwieg, dann ging sie zu den angegriffenen Pastoren
auf Distanz oder übte sogar noch zusätzlichen Druck auf sie
aus.
Alle drei Geistlichen mußten am Ende ihre Gemeinden verlassen. Sie
wurden förmlich hinausgedrängt. Was war ihr Vergehen gewesen?
Die Antwort liegt auf der Hand: Sie hatten mit einem Tabu gebrochen und
die Wahrheit der Bibel tatsächlich Wahrheit genannt. Darum mußten
sie gehen!
Die Liste solcher Begebenheiten ließe sich verlängern. Auch
Vikare wurden obwohl hochqualifiziert - mit undurchsichtigen Begründungen
nicht in den Dienst der Kirche übernommen. In Predigerseminaren wird
massiv Druck auf angehende evangelikale Pastoren ausgeübt. Eines
läßt sich heute mit Sicherheit sagen: Die Zeit des Stillehaltens
ist endgültig vorbei. Die Zeit, da man den Worten der Verantwortlichen
in den Kirchenleitungen mehr oder weniger unbesehen Glauben schenken konnte,
ist vorbei. Die Zeit, da man um des lieben Friedens willen
zurücksteckte, ist vorbei. Die Zeit, da man die Verantwortungsträger
in den Chefetagen der Kirchenleitungen in ihrem manchmal ans Verantwortungslose
grenzenden Verhalten gewähren ließ, ist sicher auch vorbei.
Die hier dokumentierten Fälle zeigen, daß neue
Wege und neue Perspektiven schon lange überfällig sind. Stillhalten
hilft nicht!
© 1996 by Hänssler Verlag, Neuhausen / Holzgerlingen
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